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Bye, bye 50 – wo sind unsere Chancen am Arbeitsmarkt geblieben?

Es ist kaum zu glauben, doch auch dieser Sprung ins halbe Jahrhundert meines Lebensalters ist schon wieder ein Jahr her. Und schon darf ich mich wieder von der Null verabschieden und den Einser willkommen heißen. Und was war ab 50 anders? Diese Frage habe ich mir gestellt. Es war gar nicht so schlimm, doch so manches, ein paar Kleinigkeiten, haben sich schon verändert.

Besonders nachdem auch in der Politik und in den Medien immer wieder das Wort 50 plus auftaucht, beginnt man automatisch darüber nachzudenken, ob man sich jetzt alt fühlen soll – ob man will oder nicht – und sich damit der Schublade des alten Eisens zuordnen lässt. Ich werde immer wieder auch durch meinen Bekanntenkreis mit dem Gedanken oder auch der Angst konfrontiert, dass man vielleicht mit über 50 keinen Platz mehr auf dem Arbeitsmarkt findet und schon gar nicht ohne Förderung, die jetzt ja wieder gestrichen wurde.

In vielen Unternehmen wird derzeit daran gearbeitet, die Mitarbeiter, die ein bestimmtes Alter erreicht haben, im Idealfall sanft in den Vorruhestand zu schicken. Mit 50 hat man vielleicht noch ein paar Jahre Schonfrist, doch ab 55 gehört man derzeit bei Banken und so manchen öffentlichen Betrieben zur Liste der Personen, die man gerne frühzeitig aus dem Unternehmen verabschieden möchte. Doch was ist mit uns, den Einzelpersonen und ich glaube es gibt viele davon, die gerne ihren Beruf ausüben und auch weiterhin viel lieber einen Beitrag zum Sozialsystem leisten möchten, als selbst von Sozialleistungen abhängig zu sein.

Meine Freundin Selina ist z.B. grade auf Jobsuche. Wobei Selina den Eindruck hat, dass ihre Bewerbungsunterlagen überall gleich nach der Erstansicht, wenn man ihr Geburtsdatum 50plus sichtet, sowieso gleich im Mistkübel landen. Denn seit Wochen hat sie keine Reaktion auf die vielen von ihr geschriebenen Bewerbungen bekommen. Und Selina war auch schon vor ein paar Jahren mit 45 arbeitssuchend und kann somit den Unterschied an ihrem eigenen Beispiel feststellen und erkennen. Ist es wirklich ihr Lebensalter, dass ihr keine Chance mehr am klassischem Arbeitsmarkt bietet oder ist die Gesellschaft generell so ignorant, dass man Korrespondenz, obwohl man nach ihr gefragt hat, gar nicht mehr beantwortet?

Meine Freundin Alice ist derzeit nach einer längeren Krankheitspause auch wieder bereit, eine interessante Aufgabe anzunehmen. Sie hat es auch schon geschafft, gerade wegen ihrer langjährigen Erfahrung und Verlässlichkeit die ersten Runden und Aufgaben mit einem Hearing und einem theoretischen Konzept für Umsatzsteigerungsmöglichkeiten, in die Endauswahl zu kommen. Und jetzt? Jetzt scheitert es an den notwendigen Referenzen. Die letzten 2 Firmen, für die sie gearbeitet hatte, haben sich mittlerweile fast aufgelöst. D.h. ihre ehemaligen Chefs sind schon lange nicht mehr da, weil die gesamte Abteilung an nicht österreichische Niederlassungen angeschlossen wurde. In dieser Führungsebene der DACH Konstruktion, die nicht in Österreich ansässig ist, sitzen jetzt ihr völlig unbekannte Personen. Ihre ehemaligen Chefs oder Chefinnen sind nicht mehr erreichbar und in irgendeinem anderen Firmenkonstrukt verschwunden. Jetzt scheitert ihre schon ziemlich hoffnungsvolle Bewerbungsprozedur wegen Unmengen von Umstrukturierungen in vielen Unternehmen vielleicht doch noch an dem unmöglichen Auffinden von Referenzen? Das schlimme darin ist, dass sie selbst für diese Entwicklung wirklich absolut nichts dafürkann. D.h. sie ist die Leidtragende von einem Wirtschaftsphänomen, wobei sie zu der Situation absolut nichts beigetragen hat.

Mein Bekannter Helmuth war lange Zeit für verschiedene Pharmakonzerne in der Schweiz und in Deutschland tätig. Aus privaten Gründen möchte und muss er jetzt im Lande bleiben. Auf viele von unseren Jahrgängen kommt jetzt ja auch die Notwendigkeit oder einfach nur das Bedürfnis dazu, in der Nähe unserer Eltern, die teilweise schon Betreuungsbedarf haben, zu bleiben. Denn sie haben sich unsere Anwesenheit in den vielleicht letzten Jahren ihres Lebens wirklich verdient und genießen diese oder brauchen sie sogar, solange die Möglichkeit überhaupt noch besteht, dass sie an unserer Präsenz Anteil nehmen. Auch er ist schon seit ein paar Monaten auf der Suche, nach einem „lokalen“ Unternehmen oder zumindest eine Niederlassung, die ihm die Möglichkeit für einen Wiedereinstieg ins Berufsleben in der Nähe seiner Familie gibt. Doch Angebote bekommt er nur für die Jobs, die sonst keiner will. Er könnte leicht wieder in Ausland gehen und nur einmal im Monat heimkommen, um sein Privatleben im Lande weiterzuführen oder irgendwelche Projekte annehmen, die ein sehr kurzes Ablaufdatum haben.

Alle drei Personen haben sicher noch ein Jahrzehnt im Arbeitsleben vor sich, wenn man ihnen die Chance bieten würde. Doch nein, bisher blieben sie erfolglos und müssen sich mittels der Sozialleistungen, die sie eigentlich gar nicht wollen, doch für den Fortbestand ihres täglichen Lebens dringend brauchen, durchschlagen. Auch ich habe noch 12,5 Arbeitsjahre vor mir, wenn man mich lässt.

Ich habe das Glück, noch im Berufsleben zu stehen. Doch auch in meinem beruflichen Alltag kommt es immer wieder zu Änderungen, meist nicht zum Besseren, und die Zeit der Zufriedenheit und der Begeisterung für die Aufgabe ist leider nur mehr selten zu finden und schon gar nicht mehr stetig aufrechtzuerhalten. Wobei ich glaube, da bin ich nicht die einzige. Egal, wen ich derzeit Frage, das Brennen, die Verbundenheit und die Freude am beruflichen Alltag kann ich leider derzeit bei fast keiner Person in meinem Bekanntenkreis finden. Vielleicht ist das auch gar kein Altersphänomen, sondern sogar eine generelle Gesellschaftsentwicklung, die ich absolut nicht befürworte.

Auch ich kämpfe mit der Priorität von Excel Listen und Target Listen, die scheinbar als wichtigstes Instrument immer mehr an Bedeutung gewinnen. Nicht nur die Kunden, sondern auch die Mitarbeiter scheinen immer häufiger keinen Namen, sondern nur eine Nummer zu tragen. Schnell mal eine Formel eingesetzt und schon können die Umsätze und Gewinne gesteigert werden. Der Mensch? Wo hat der Name oder die persönlichen Eigenschaften noch einen Platz in diesen Tabellen?

Das schlimmste Beispiel, das ich kenne, ist das Prozedere einer Bank. Nach 25 Jahren der Kundenbetreuung bekam ein Bekannter von mir eine neue Chefin, die von einem Tag auf den anderen mit einer Umstrukturierung beschlossen hat, dass er nicht mehr seine bestehenden Kunden betreuen wird – diese Kundengruppe wird auf andere Kollegen aufgeteilt – und er eine neue Kundengruppe zum Betreuen bekommt. Wollen wir das einfach mit mir machen lassen? Wenn mir ein Unternehmen erklärt, dass der für mich Jahrzehnte lang korrekt und bemüht handelnde Betreuer mich persönlich aufgrund einer Umstrukturierung, die mittels Rechenprogrammen geplant war, nicht mehr betreuen darf und ich mit einer anderen Ansprechperson Vorlieb nehmen muss, werde ich sicher die Geschäftsbeziehung wechseln und einen neuen Ansprechpartner in diesem Fall in einer neuen Bank suchen.

Ich habe keine Lust und auch nicht die Zeit dazu, meine Vorlieben, Bedürfnisse, Wünsche und Gewohnheiten immer wieder einem neuen Ansprechpartner zu erklären. Wenn ich das tun möchte, dann suche ich mir gleich den Betreuer oder Geschäftspartner selbst aus, der mir von Anfang an sympathisch ist und mir nicht den, der vom Computerprogramm zugeordnet wurde. Schade, denn eigentlich bin ich eine sehr unternehmenstreue Person und bleibe meinen Geschäftspartnern, Banken, Versicherungen, Ärzten, Friseuren, Kosmetikerinnen, Masseuren und Einkaufsgeschäften so lange als möglich treu. Doch irgendwann bei so einer Entwicklung ist auch bei mir der Ofen aus!

Das ist vielleicht mit ein Grund, warum viele Menschen meiner Generation den Weg in die Selbstständigkeit wagen oder versuchen müssen. Auch dieser Weg ist ein steiniger und ein langwieriger bei dem man einen langen Atem braucht. Die meisten versuchen es mit einer Doppelphase, d.h. man arbeitet in seinem bestehenden Job und versucht, sich parallel ein kleines Geschäft aufzubauen, von dem man hofft, dass es irgendwann einmal fürs Überleben reicht, sodass man nicht vom Vater Staat abhängig ist. All denjenigen wünsche ich gutes Gelingen, das nötige Glück und die Ausdauer für ihren Lebenstraum im zweiten halben Jahrhundert.

Doch zum Glück gibt es noch andere Bereiche außerhalb des beruflichen Alltags, mit denen man sein Leben positive bereichern kann und ich habe das Gefühl, dass dieser Ausgleich für mehr und mehr Menschen immer wichtiger wird und fast schon ein wichtiges Lebenselixier geworden ist, damit man die Energie, die einem immer öfter geraubt wird, wie bei einer Tankstelle wieder auffüllen kann.

Was hat sich in meinem 50er Jahr noch verändert?

Es gibt schon Dinge für die man wirklich oder fremdbestimmt schon zu alt ist oder zumindest so eingeschätzt wird:

Es werden immer wieder Stammzellspender gesucht, dafür bin ich leider wirklich zu alt. Die Altersgrenze beim Registrieren liegt bereits bei 45 Jahren. Diese Chance in meinem Leben habe ich wirklich verpasst.

Sobald ich 50 war wurde mir über FB immer wieder und das monatelang die „Nachsichtbrille“ mit der man auch in der Dunkelheit vor allem beim Autofahren wieder klar sehen kann, als Werbung eingeblendet. Grundsätzlich fand ich die Idee und die Lösung ja gar nicht so schlecht. Doch nach so vielen Werbeeinschaltungen fühlte ich mich schon fast belästigt und meine vielleicht vorher noch vorhandenen Neugier auf das Produkt wurde sofort in mir erstickt.

Ähnlich geht es mir bei Schönheits- und Wellnessangeboten, schön dass es sie gibt, doch bitte nicht übertreiben. Eine Wellnesseinrichtung bombardiert mich seit Monaten immer wieder mit deren Newsletter. Nach mehrmaligem Anklicken des Buttons zum Abbestellen des Newsletters ohne Wirkung war es mir dann noch zu bunt. Ich verfasste ein direktes E-Mail an die Office Adresse und mir wurde versichert, dass man meine E-Mail- Adresse aus allen Dateien entfernen werde und ich keine Zusendungen mehr bekommen werde. Denkste: 2-Monate später war der nächste Newsletter wieder da. Sorry, so werdet ihr mich sicher nicht als Kundin gewinnen, denn ich stehe zu meinen Aussagen und Zusagen im Gegensatz zu euch.

Wobei diese Einrichtung wahrscheinlich generell einen wunden Punkt bei mir getroffen hat. Man braucht doch nicht auf einmal mit dem 50er Stichtag andauernd Schönheits- und Wellnesstage. Manchmal gerne aber das Leben besteht zumindest nicht nur aus diesen Betätigungen und Plänen – zumindest nicht für mich. Also bitte keine Schönheits- und Wellnesszusendungen mehr! Ich beherrsche die Fähigkeit, mir die grad gewünschten und passenden Produkte und Angebote selbst über die vielen Suchmaschinen rauszusuchen.

Auch von bestimmten Fitnesseinrichtungen, speziell für Damen, bekam ich ab dem 50. Geburtstag immer wieder Sonderangebote für ein besonders für Damen ab 50 angepasstes Trainingsangebot als Werbung eingeblendet, obwohl ich nicht danach gesucht hatte. Auch hier gilt für mich: Nur, weil der Kalender oder die Excel-Tabelle oder FB euch verraten hat, dass ich den Stichtag überschritten und überlebt habe, ist das noch lange kein Grund ab genau diesem Tag eurer Sonderangebot anzunehmen. Wenn ich das mache, dann aus freien Stücken zum Zeitpunkt, der für mich genau der richtige ist.

Und das schrägste war, dass sogar mein Freund vor kurzem ein Werbeemail über ein besonderes Produkt bekommen hat, das Wunder bei Halluxschmerzen bewirkt. Er war wirklich sehr verwundet über dieses Angebot und fragte dann mich, ob ich das vielleicht brauchen kann. Also die Schleichwerbung für eventuelle Produkte, die eine über 50-jährige Dame brauchen kann, an deren Lebenspartner zu schicken, fand ich noch skurriler.

Alle diese Angebote habe ich bis jetzt abgehlehnt bzw. diese haben mich sogar in eine kleine Ärgerstimmung gebracht – mein Trotz kommt da wieder durch – dass ich falls ich jemals eine Nachtsichtbrille, Schönheits- und Wellnesskur, eine Fitnesseinrichtung oder ein Halluxprodukt brauchen werde, sicher eine andere Möglichkeit suchen werde als auf eine von diesen Werbeflutangeboten zurückzugreifen. Zum Glück besitze ich die Fähigkeit, nach Bedarf und nach Bewertungen zu recherchieren und habe noch Freunde, die ich persönlich befragen kann (nicht nur über den Chat) und Mundpropaganda hat für mich noch immer die höchste Sicherheitsstufe und Trefferquote für das Kriterium Zufriedenheit. Und kaufen werde ich vor allem erst dann, wenn mein eigenes Bedürfnis da ist und nicht deswegen, weil auf einmal die Zahl 50plus aufpoppt.

Was kann ich noch tun?

Was ich bisher in meinem Leben noch nie getan habe und ich schäme mich fast dafür ist Blutspenden. Dafür möchte ich dieses Zeitfenster nützen, wenn ich grad noch jung und fit genug dafür bin, den Anforderungskriterien zu entsprechen und noch nicht mit den sonst in dieser Altersgruppe schon üblichen Cholesterin-, Blutdruck-, Schilddrüsen-, Magen- oder Hormontabletten verseucht bin. Genau jetzt bzw. spätestens jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür, damit ich nicht noch eine Sache, die mir eigentlich am Herzen liegt, abhaken muss, weil ich schon als zu alt dafür eingestuft werde.

Ich hoffe, dass ich euch mit diesem Beitrag nicht zu entmutigt, sondern eher dazu angespornt habe, die Dinge, die euch am Herzen liegen, jetzt zu tun und nicht darauf zu warten, bis ihr den Anforderungskriterien wirklich nicht mehr entsprecht oder zumindest so katalogisiert werdet. An meinem Wohlbefinden hat sich seit der Zahl 50 nichts geändert, nein ganz im Gegenteil, ich habe mich mir ihr am Buckel sogar ganz zufrieden, glücklich und agiler gefühlt als je zuvor.

Ich wünsche euch, dass es mehr und mehr Menschen und vor allem auch Unternehmen gibt, die wieder auf die Qualität dieses Lebensalters aufmerksam werden und dieses vielleicht sogar wieder zu schätzen beginnen. Viele von uns würden gerne noch einen kräftigen Beitrag zu den sehr notwendigen Sozialleistungen leisten, die wiederum anderen noch bedürftigeren Menschen als den klassischen 50plus Personen, die manchmal schon aufs Abstellgleis gestellt werden, zugutekommen könnten.

Meine Vision: Ich lasse mich nicht vom Zahlenklischee unterkriegen und mache genau jetzt das, was ich besonders gut kann, was mir besonders viel Freude bereitet oder was ich immer schon machen wollte bevor ich aufgrund meines Geburtsdatums von dieser Möglichkeit ausgeschlossen werde. Und ja, ich habe noch 12,5 Jahre aktives Arbeitsleben bis zum Pensionsantritt vor mir, wenn man mich lässt.

Ich wünsche euch eine schöne „Mittelalterzeit“ und den Mut, die Chancen anzunehmen, die sich irgendwann jedem von uns anbieten werden. Dinge die man nicht versäumen möchte, jetzt zu tun und andere die man nicht mehr unbedingt machen muss, einfach ruhen zu lassen und aus der To do Liste zu streichen.

Alles Liebe von 50plus

Gelly

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P.S.: Wobei im Gegensatz zu der beschriebenen „midlife crisis“, wo man alles nachholen muss und sein Leben ganz umkrempelt, habe ich das Gefühl, dass ich jetzt mit 50plus das eine oder andere nicht mehr machen muss. Ich muss z.B. nicht mehr rund um die Welt fliegen, um dann beurteilen zu können, wo es mir denn am besten gefallen hat. Diese Reise kann ich mir schon ersparen. Ich habe schon viel gesehen, somit weiß ich jetzt schon genau, wo ich hinmöchte und wo es mir gefällt und muss nicht mehr alle Plätze dieser Welt entdecken!