{"id":659,"date":"2016-11-27T10:00:50","date_gmt":"2016-11-27T09:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freude-am-wohnen.at\/gelly\/?p=659"},"modified":"2016-12-02T18:58:39","modified_gmt":"2016-12-02T17:58:39","slug":"stammkunde-weisst-du-noch-was-das-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freude-am-wohnen.at\/gelly\/stammkunde-weisst-du-noch-was-das-ist\/","title":{"rendered":"Stammkunde &#8211; wei\u00dft du noch was das ist?"},"content":{"rendered":"<p>Gerade jetzt in der Zeit der Bundespr\u00e4sidentenwahl &#8211; die Wiederholung &#8211; merke ich, dass man sich auf viele Dinge nicht mehr verlassen kann. Wo sind die Stammw\u00e4hler geblieben? Alte Werte z\u00e4hlen nichts mehr. Die Prognosen stimmen meist nicht, die Stimmung ist verh\u00e4rtet, es entstehen gegengesetzte Pole und man wundert sich, wer da f\u00fcr wen Partei ergreift.<!--more--><\/p>\n<p>Um diese Zeit merke ich besonders, welche Bedeutung das Wort\u00a0&#8222;Stamm&#8220; f\u00fcr mich einmal hatte. Symbolisch bedeutet das f\u00fcr mich: ein dicker Baumstamm, der fest verwurzelt ist, aus dem sich jedes Jahr wieder frische \u00c4ste und Bl\u00fcten entfalten k\u00f6nnen. Aber was ist wenn dieser Stamm fehlt?<\/p>\n<p>Je n\u00e4her es zu Weihnachten geht, denke ich an all die Traditionen, die ich als Kind noch erlebt habe. Jedes Weihnachten war gleich und bei vielen ist es heute noch so. Man kauft einen Christbaum beim selben Bauern oder -stand, man hat dieselbe Dekoration am Baum, man isst dasselbe Men\u00fc wie jedes Jahr, man l\u00e4dt dieselben Leute ein, &#8230; Sogar meine Frau Mutter macht den Adventkranz nicht mehr selbst, obwohl dieser immer einen tollen Reisiggeruch im ganzen Haus verbreitet hat, sondern kauft dort, wo grad zur richtigen Zeit eine Aktion ist &#8211; jedes Jahr wo anders. Und wenn ich jetzt beginne, dar\u00fcber nachzudenken, welche und vor allem wo ich die heurigen Weihnachtsgeschenke kaufen werde, stellt sich bei mir Planlosigkeit ein.<\/p>\n<p>Wir liken Bilder im Internet oder \u00fcberfliegen Bilder in Katalogen, ohne ein paar Zeilen des Inhaltes zu lesen. Die ersten Weihnachtspakete meines Nachbarn habe ich schon \u00fcbernommen &#8211; alles \u00fcbers Internet bestellt. Ich bin der typische Stammkunde, nicht nur aus Gewohnheit, sondern weil ich\u00a0die Menschen hinter der Fassade\u00a0kennen m\u00f6chte. Noch vor einigen Jahren &#8211; oder sind\u00b4s schon Jahrzehnte?\u00a0&#8211; war ich ein &#8222;Grei\u00dfler-Fan&#8220;. (Das ist das kleine Gesch\u00e4ft ums Eck, das von jedem ein bisschen\u00a0oder gewisse Spezialit\u00e4ten im Sortiment hat, die wirklich einzigartig sind.) Dort wurde man noch\u00a0oft mit dem Namen angesprochen und gefragt: Wie geht es ihnen heute? Leider gibt es diese M\u00f6glichkeit zumindest an dem Ort, an dem ich wohne, nicht mehr, denn diese Traditionsgesch\u00e4fte wurden alle schon geschlossen. Es gibt nur mehr eine Trafik, in der man mich noch kennt, ansonsten kann ich mich nur zwischen 4 Supermarktfilialien entscheiden, in denen ich anonym bin.<\/p>\n<p>Sogar meine Schwester Rita bestellt die Weihnachtspackerl f\u00fcr meine Nichten schon im Internet, weil sie keine Zeit mehr f\u00fcr die Packerlralley in den Einkaufszentren hat. Und meine Nichte Elisa wei\u00df meist gar nicht, was sie sich noch w\u00fcnschen soll, weil sie ja eh schon alles hat und ihr Kinderzimmer schon &#8222;bummvoll&#8220; ist, sodass sie immer wieder eine Entr\u00fcmpelungsaktion starten muss, damit \u00fcberhaupt noch Platz f\u00fcr was neues ist. Sie sitzt dann vorm Computer und surft\u00a0&#8211; meist in Amazon herum, solange, bis sie doch etwas Interessantes findet. Und genau das kommt denn auf den Brief ans Christkind &#8211; wahrscheinlich wird der heuer schon\u00a0mit den passenden Bildern und Artikelnummern versehen,\u00a0quasi wie eine Bestellliste direkt am PC erstellt. Schreiben (vor allem handschriftlich) ist ja\u00a0uncool, surfen, drucken oder elektronisch bestellen und vor allem dann auch liken ist in.<\/p>\n<p>Und nachdem auch ich jetzt\u00a0mein erstes Weihnachten auf Facebook erleben werde &#8211; der Ort, wo ich auch mit Menschen &#8222;befreundet&#8220; bin, die ich noch nie gesehen habe, die ich \u00fcberhaupt nicht kenne &#8211; werde ich wahrscheinlich auch \u00fcber die Cloud Weihnachtsgr\u00fc\u00dfe an Fremde schicken oder auch empfangen, eigentlich ein komisches Gef\u00fchl. Heute habe ich z.B. schon so viele Adventkr\u00e4nze in den sozialen Medien gesehen, dass ich gar keine Lust mehr habe, mir selbst einen zu dekorieren. Ich hoffe, dass ich da mit meinen Weihnachtsw\u00fcnschen nicht den einen oder anderen Menschen vergessen werde, der mich schon Jahrzehnte begleitet hat und mir wirklich wichtig ist und der meine Zeit, Gedanken und W\u00fcnsche wirklich wert ist.<\/p>\n<p>Als Jugendliche hatten wir noch ein Stammlokal, wo wir uns regelm\u00e4\u00dfig am Samstagabend vor dem Ausgehen versammelt haben &#8211; heute nennt man das &#8222;Vorgl\u00fchen&#8220; und das passiert manchmal schon im trauten Heim oder an \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen, denn die typischen Stammlokale sind eher seltener geworden. Dort wurde auch der 24.12. vormittags\u00a0zelebriert &#8211; mit echten Freunden treffen, fr\u00f6hlich sein, lachen,\u00a0genie\u00dfen und sich miteinander freuen. Entweder gibt es das Lokal gar nicht mehr, oder es gab eine Neu\u00fcbernahme, in der man nicht mehr so willkommen war oder man ist einmal ver\u00e4rgert worden, und geht dann nie wieder hin &#8211; die Fluchttendenz, die viele von uns immer \u00f6fter anwenden. Von einer Partei zu anderen, von einem Partner zum anderen, von einer Wohnung zur anderen, von einem Freund zum anderen, von einem Lokal zum anderen &#8211; es gibt ja eh genug davon. Nur die typischen Stammtische in den Traditionslokalen haben sich scheinbar seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit Jahrhunderten\u00a0am wenigsten ver\u00e4ndert, genauso wie der Alkoholkonsum an diesen Orten.<\/p>\n<p>Oder von einer Arbeit zur anderen\u00a0usw.\u00a0Auch im Beruf sind die Stammmitarbeiter mittlerweile fast verschwunden. Manchmal h\u00f6re ich, dass jemand der schon 3 Monate (oder sogar nur ein paar Tage) im Unternehmen ist, dann den\u00a0neuen Mitarbeiter einschult.\u00a0Viele Jahre lang in einer Firma zu sein, hei\u00dft mittlerweile nicht erfahren, sondern teuer zu sein. Und viele Unternehmen &#8211; derzeit z.B. einige\u00a0Banken &#8211; nutzen jede Gelegenheit, um den Stammmitarbeitern eine dementsprechende Ehre zu erweisen, indem sie ihnen den vorzeitigen Ruhestand anbieten. Ebenso bei\u00a0Chefs &#8211; kaum hat man sich\u00a0mit dem Chef arrangiert und sich an seine Anforderungen angepasst, kommt schon\u00a0der n\u00e4chste. Warum will der genau das Gegenteil von dem, was sein Vorg\u00e4nger wollte?\u00a0Oft sind diese Prozesse schwer zu verstehen.<\/p>\n<p>Doch zumindest bei der Auswahl, in welchen Supermarkt ich gehe, versuche ich\u00a0konstant zu sein &#8211; zum Eigenschutz. Denn sobald ich in einem anderen &#8222;Gro\u00dfmarkt&#8220; bin, beginnt wieder die R\u00e4tselrallye. Wo haben die denn wieder das Salz versteckt? Haben die schon wieder meine Lieblingskaffeesorte aus dem Sortiment genommen? Warum haben die meine Tagescreme nicht mehr? &#8211; ach ja, nur eine andere Verpackung, damit ich wieder suchen kann. Oft werden nicht nur die Verpackungen ver\u00e4ndert, sondern auch die Inhaltsstoffe. Es nennt sich gleich, hat aber jetzt eine andere Farbe oder schmeckt anders. Besonders im letzten Jahr musste ich zwei Produkte &#8211; mein Lieblingsgetr\u00e4nk und meine Hautcreme \u00e4ndern und wechseln, weil das Produkt &#8211; zwar auf den ersten Blick nicht erkennbar &#8211; umge\u00e4ndert wurde. Mein Lieblingsgetr\u00e4nk f\u00fcrs Auto schaut jetzt grausig gelb aus (erinnert mich immer an Urin) und g\u00e4rt, sobald ich es ein paar Tage im Auto spazieren f\u00fchre und meine Tagescreme wird einfach nicht mehr hergestellt. Also auch wenn ich wollte, k\u00f6nnte ich bei manchen Produkten nicht mehr Stammkundin bleiben.<\/p>\n<p>Auch unsere Yoga-Stammgruppe ist schwer aufrecht zu erhalten, weil immer die eine oder die andere keine Zeit hat. Die gemeinsamen Termine verlagern sich mittlerweile von 1 x w\u00f6chentlich fast auf 1 x monatlich, weil wir von\u00a0vielen, vielen anderen Verpflichtungen, manchmal hoffentlich auch angenehmen Begegnungen \u00fcberrollt werden. Nur bei meiner Kosmetikerin und meinem Finanzberater ist es mir gelungen, Jahrzehnte lang eine Stammkundin zu bleiben.\u00a0Ich kann mich auf diese\u00a0Personen verlassen, werde ehrlich\u00a0beraten und nicht zu &#8222;Eink\u00e4ufen&#8220; gedr\u00e4ngt oder \u00fcberrumpelt, genau das sch\u00e4tze ich an meinen Gesch\u00e4ftspartnern, die schon fast zu Freunden geworden sind. Ich\u00a0werde dort solange\u00a0Stammkunde sein, bis \u00e4u\u00dfere\u00a0Umst\u00e4nde mich zu einer \u00c4nderung zwingen.<\/p>\n<p>Ansonsten kenne ich wenige Leute, die z.B.\u00a0immer noch Stammkunden im Urlaub sind &#8211; wer f\u00e4hrt noch j\u00e4hrlich mit denselben Leuten an denselben Urlaubsort? Auch wenn ich eher ein treuer Mensch bin, musste ich meine Urlaubsziele und auch die -begleiter immer wieder \u00e4ndern. Wir wollten einige Jahre Silvester im Schnee verbringen &#8211; von Dauerregen bis T-Shirt Wetter inkl. der Kunstschneebahnen hatte wir alles dabei, nur keinen echten Schnee. Nach 3 missgl\u00fcckten Versuchen haben wir es dann aufgegeben und suchen jetzt nach einer anderen Alternative. Unsere deutschen Nachbarn sind da eher noch die typischen Stammg\u00e4ste, denn beim Quartiersuchen in den Weihnachtsferien wurden wir immer wieder wegen der meist mindestens eine Woche bleibenden deutschen Stammg\u00e4ste abgelehnt. Man wollte sogar warten, ob die Stammg\u00e4ste vielleicht doch wiederkommen und nur &#8211; falls diese kurzfristig verhindert sind &#8211; h\u00e4tten wir dann das Zimmer quasi als L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer bekommen.<\/p>\n<p>Deswegen und auch aus Kostengr\u00fcnden greifen\u00a0viele meiner Bekannten nur mehr auf die Restplatzbuchung zur\u00fcck &#8211; wie auch wir oft. Man wartet zuerst den Wetterbericht ab, auch wenn der meist dann eh nicht stimmt und bucht erst dann seinen Wochenend- oder Ferienurlaub. Wir suchen dann das billigste Angebot raus &#8211; oft ohne das Kleingedruckte zu lesen &#8211; und wundern uns dann, wenn es uns wieder nicht gefallen hat, weil wir viel zu viel zu meckern hatten. Die Rechnung: 5 Minuten Recherche f\u00fcr viele Tage eitel Sonnenschein geht halt oft nicht auf, weil da ein Ungleichgewicht besteht. Und wir bleiben meist k\u00fcrzer &#8211; die Zeit ist immer knapp, ich kann mich gar nicht erinnern, wann wir oder unsere Bekannten einen 2-w\u00f6chigen Urlaub gemacht haben. Obwohl uns meist genau diese langen Erholungsphasen fehlen, um wieder zur Ruhe und &#8222;Besinnung&#8220; zu kommen, wie es\u00a0manchmal in den guten alten Weihnachtskarten steht &#8211; &#8222;Besinnliche Weihnachten&#8220;.<\/p>\n<p>Grad jetzt bei dem ersten Schnee, der gefallen ist, habe ich viele entwurzelte B\u00e4ume gesehen, die die Schneelast nicht ausgehalten haben und einfach entwurzelt wurden. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass das fr\u00fcher so h\u00e4ufig passiert ist. Ebenso ist f\u00fcr mich ein Berg eine R\u00fcckendeckung, der Schutz und Sicherheit gibt. Auch hier h\u00f6ren oder erleben wir immer \u00f6fter von Muren, die den Berg und die Landschaft ver\u00e4ndern und das Gef\u00fchl der Sicherheit wird ins Wanken gebracht. Das habe ich heuer selbst erlebt &#8211; ein Hang in der N\u00e4he meines Wochenendwohnortes wurde total kahl geschl\u00e4gert und siehe da, beim n\u00e4chsten Sommergewitter, war die Mure schon da und blockierte die Stra\u00dfe &#8211; zum Gl\u00fcck wurde niemand dabei verletzt.<\/p>\n<p>Wurzeln verbinden und je gr\u00f6\u00dfer und dicker der Stamm ist, meist umso mehr Wurzeln. Und St\u00e4mme geben doch Sicherheit und Halt und ich glaube grad in dieser Zeit sind viele Menschen auf der Suche nach etwas zum Anhalten und dann nehmen sie einfach den 1. Baum, der da um die Ecke steht &#8211; meist den einfachen Weg, denn ich glaube von Natur aus sind viele von uns eher mit der Eigenschaft Faulheit geboren.\u00a0Als Kind habe ich das auch gemacht: manchmal einen Baum umarmt, da habe ich mich ganz toll gesch\u00fctzt gef\u00fchlt. Doch Wurzeln und St\u00e4mme verhindern auch Leichtigkeit und man muss sich schon ein wenig anstrengen und das Hindernis zu \u00fcberwinden, damit wir weiterziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderung passiert, egal ob wir wollen oder nicht. Wir k\u00f6nnen nur entscheiden, ob wir diesen Prozess aktiv mitgestalten wollen oder nicht. Ich lenke lieber ein wenig mit, um die Richtung zu beeinflussen, in die ich will, f\u00fcr mich f\u00fchlt sich das besser an als sich treiben zu lassen und\u00a0ausgeliefert zu sein.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche euch einen angenehmen Sonntag und einen Baumstamm mit festen Wurzeln zum Anlehnen, auf den ihr euch verlassen k\u00f6nnt<\/p>\n<p>Gelly<\/p>\n<p>Gellysblog<\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start\"><ul class=\"shariff-buttons theme-default orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwww.freude-am-wohnen.at%2Fgelly%2Fstammkunde-weisst-du-noch-was-das-ist%2F\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; color:#fff\" target=\"_blank\"><span class=\"shariff-icon\" style=\"\"><svg width=\"32px\" height=\"20px\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 18 32\"><path fill=\"#3b5998\" d=\"M17.1 0.2v4.7h-2.8q-1.5 0-2.1 0.6t-0.5 1.9v3.4h5.2l-0.7 5.3h-4.5v13.6h-5.5v-13.6h-4.5v-5.3h4.5v-3.9q0-3.3 1.9-5.2t5-1.8q2.6 0 4.1 0.2z\"\/><\/svg><\/span><span class=\"shariff-text\">teilen<\/span>&nbsp;<\/a><\/li><\/ul><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade jetzt in der Zeit der Bundespr\u00e4sidentenwahl &#8211; die Wiederholung &#8211; merke ich, dass man sich auf viele Dinge nicht mehr verlassen kann. 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